31.08.2025
BORBECK. „Das haben wir nicht erwartet!“ - am Sonntagnachmittag um 14 Uhr drängten sich deutlich über 60 erwartungsvolle Gäste am alten Schlosstor. Der Borbecker Bürger- und Verkehrsverein (BBVV) hatte zur historischen Schlossparkführung eingeladen, doch mit einem solch großen Andrang hatte man kaum gerechnet. Mit einem Schuss Improvisation aber wurde es für alle ein schöner Nachmittag unter einem blauweiß geblümten Himmel.

Zwei große Gruppen teilten sich in den wechselnden Besuch der Dauerausstellung und des weitläufigen Gartendenkmals, das zu den ältesten Landschaftsparks im Rheinland zählt – seit 2012 steht er unter Denkmalschutz. Zwar konnte leider die im Fürstinnengewand angekündigte Führung durch Birthe Marfording vom Schloss krankheitsbedingt nicht stattfinden, doch hatte die BBVV-Vorsitzende Susanne Asche schnell besten Ersatz geschaffen. Die Aufgabe übernahm Historikerin Julia Elisabeth Hartmann vom Domschatz Essen, die mit ihrem neuen zusätzlichen Engagement für die Residenz der Fürstäbtissinnen im Schlosspark Borbeck eine ganz frische Brücke zwischen den beiden Einrichtungen schlägt.

Mit großer Leidenschaft für das ein gutes Jahrtausend dauernde Regiment der frommen Frauen im hochadeligen Stift Essen stellte sie die Schlossanlage in den geschichtlichen Zusammenhang. Denn die selbstbewussten Äbtissinnen machten die von einer Gräfte geschützte, mehrfach umgebaute alte Wasserburg vor den Toren ihrer Stadt seit dem 13. Jahrhundert nicht nur zum privaten Zufluchtsort, sondern schließlich auch zur festen Residenz. Anders als die lärmende und schmutzige enge Stadt Essen bot der von zahlreichen Quellen durchflossene Waldgarten an den Borbecker Siepentälern einen Ort der persönlichen Erholung und Muße und zunehmend auch einen repräsentativen Rahmen für Treffen mit „Staatsgästen“. Vor allem die letzten Reichsfürstinnen Franziska Christine von Pfalz-Sulzbach und Maria Kunigunde von Sachsen legten großen Wert auf die standesgemäße Außengestaltung und ließen sich früh von den Vorbildern englischer Landschaftsgärten inspirieren. Vieles von den so wichtigen Blickachsen und historischen Wegeführungen legte das vor einigen Jahren begonnene Parkpflegewerk erst wieder frei.

Wie die Schlossbewohnerinnen und ihre Besucher früherer Tage den Ort nutzten, ließ sich auf dem Gang zu Teich und Quelle nachvollziehen: Auch damals wechselte man vom heißen Rasenplatz in die schattigen Wege, in die kühle Nähe zum überall sprudelnden Wasser. Für Abwechslung und Blickfänge sorgten Teiche, Brücken, ein Pavillon fürs Teetrinken und Kartenspiele, dazu Kaskadentreppen, über die das gesammelte Wasser zum Schlossteich floss, ein kleines Wirts- und Bauernhaus, das zum Schloss gehörige Gartenhaus, auch „kleines Schloss“ genannt, gar eine künstliche Ruine als Zeichen der Vergänglichkeit alles Menschenwerks - alle sind heute nicht mehr erhalten. Vor gut 100 Jahren öffnete die seit der Enteignung der kirchlichen Territorien und Besitze auf Schloss Borbeck lebende Familie von Fürstenberg den Park für die Öffentlichkeit: Große Konzerte, ein großer Biergarten, Eselreiten und Karussells schufen einen Ort der Erholung und Begegnung in der grauen Arbeitswelt des schwerindustriellen Borbeck. Selbst vor großen Kulissen aufgeführte Theaterstücke, die dem Bayerischen Oberammergau damals Konkurrenz machen sollten, waren hier restlos ausverkauft.
Doch auch nachdem die rußigen Zechen und Hütten verschwunden sind, blieb der Park beliebter Treffpunkt. Wie sehr die Borbecker ihrem Park bis heute verbunden sind, zeigte die vom BBVV initiierte Spendenaktion nach dem Sturm Ela, der 2014 mit einer Riesenfaust zwischen die Wipfel fuhr, erinnerte Susanne Asche, die sich mit Jan Flügel, Torben Münning und Dr. Christof Beckmann vom BBVV-Vorstand über die so unerwartet große Zahl der Besucher freute. Auch für altgediente Parkbesucher, wie man hörte, lässt sicher immer wieder Neues entdecken. In Gemeinschaft unterwegs sein, nette Gespräche führen, unerwartete Bekanntschaften machen und vielleicht auch eine abschließende Einkehr im Biergarten – auch das hat neben allen historischen Fakten und Anekdoten einen großen Reiz. Und auch darum ist eines ganz sicher: Die nächste Führung geht in Planung.
Weitere Impressionen haben wir in einem kleinen Youtube-Video zusammengestellt.
